wra. Vor einigen Tagen wurde uns die willkommene Gelegenheit geboten eine Reihe von Flüchtlingslager zu besuchen. Das Wertvolle war, dass man nicht nur die Organisation dieser Lager in ungezwungener Weise kennenlernen konnte, sondern dass genügend Zeit eingeräumt war, um auch mit den Flüchtlingen selbst Kontakt zu nehmen. Man hörte also nicht allein instruktive Referate, nahm Kenntnis von Planungen und Instruktionen, notierte sich interessante Feststellungen aus statistischen Tabellen usw., sondern man sprach auch mit den Flüchtlingen selbst, die keineswegs zurückhaltend waren, aber auch in keiner Weise aufdringlich, wie man das mehr oder weniger gerüchtweise zu hören bekommt.
Darüber, was man sah und was man aus den Gesprächen mit den Flüchtlingen hörte – noch mehr, was man vor der Besichtigung dann und wann vernommen hatte – sprach man sich mit dem Chef der Zentralleitung der Arbeitslager für Flüchtlinge, Herrn Otto Zaugg und seinen Mitarbeitern, in freier Weise aus. Es war eine sehr zu begrüssende Idee, sich zuhanden der Öffentlichkeit einen Einblick in diese in jeder Beziehung wohlgeleitete Organisation verschaffen zu können.
Man erhielt den besten Eindruck von dieser im Sinne schönster Humanität aufgebauten Institution. Es wird mit Sorgfalt und Umsicht, aber mit der nötigen Strenge und dem Appell an die Disziplin gearbeitet. Dass es da und dort noch nicht gelungen ist, alles zu tun, was getan werden will, liegt bei den Schwierigkeiten, die sich in einem rechten Masse gezeigt haben und immer wieder zeigen. Die Schweiz leistet den bedauernswerten Flüchtlingen, die sich aus allen möglichen Berufsschichten – zumeist aus denjenigen des Kleinhandels und der Intellektuellen – zusammensetzen, einen grossen Dienst.
Dieser ist nicht allein darin zu suchen, dass sich diese Flüchtlinge ausserhalb der eigentlichen Kriegsgefahr befinden, sondern dass sie etwas lernen, dass ihnen später einmal zugute kommt. Man hört überall Worte der aufrichtigen Dankbarkeit, und wenn auch da oder dort Wünsche geltend gemacht werden, die ausserhalb der Erfüllungsmöglichkeit liegen, so stösst man doch nach einer Aufklärung auf Verständnis. Es ist notwendig, dass vor allem eine strenge Ordnung herrschen muss und es ist aus Gründen der Disziplin eben nicht möglich, dass den Flüchtlingen diejenige Freiheit gewährt werden kann, die vielleicht in der Schweiz, die ihnen als das Land der absoluten Freiheit vorgeschwebt haben mag, erwartet haben.
Da es sich zu einem überwiegenden Prozentsatz um Juden handelt, denen bisher eine manuelle Betätigung fremd war, ist es für den Denkenden verständlich, dass ihnen die Rodungsarbeiten und die damit verbundenen weitern Arbeiten schwer fallen. Es kann aber überall ein guter Wille festgestellt werden und die Disziplinarfälle sind nur in einem höchst geringen Masse vorhanden, auf jeden Fall nicht so grosser Zahl, wie sie herumgeboten werden. Dass das der Fall ist, hat man vor allem der Art und Weise, wie die Lager geführt werden zu verdanken. Man findet zum Beispiel keine militärische Überwachung, wenn auch eine militärische Disziplin verlangt und durchgeführt wird.
Die Belegschaft dieser Lager setzt sich zusammen aus Flüchtlingen. Das sind zumeist Leute, die schriften- und mittellos über die Landesgrenze gekommen sind. Man weiss von ihrer Vergangenheit sozusagen nichts, als das, was sie selbst erzählen. Das zu kontrollieren ist schwer, aber man nimmt sich die Mühe, ihre Aussagen nachzuprüfen. Die Emigranten, der andere Teil, der bei uns Schutzsuchenden, sind Leute, die schon vor dem Krieg, zumeist nach dem Anschluss von Österreich, nach der Schweiz flüchteten und deren Aufenthalt in keinem Kanton rechtlich geregelt ist.
Sie sind in den Arbeitslagern untergebracht, um dort Arbeiten zu verrichten, für die uns die Arbeitskräfte mangeln und solche, die den Lebensnotwendigkeiten der Flüchtlinge gelten. So finden wir Umschulungslager (Schneider, Schreiner und Schumacher), Oder auch die Haushaltungsgeschäfte werden berücksichtigt. Es ist erstaunlich, wie viele Frauen es unter den Flüchtlingen gibt, die von diesen Geschäften oft ein erschreckend geringes Mass von Kenntnissen besitzen. Bei uns wird die heranwachsende Frau in die Hausgeschäfte schon in der Schule eingeführt. Unsere Mädchen lernen für den Hausgebrauch flicken und nähen, Sie können kochen usw. Vielen Flüchtlingsfrauen ist eine solche Tätigkeit völlig fremd. Bei uns aber lernen Sie nun, was notwendig ist und sie sind dafür dankbar.
Es arbeiten gegen dreieinhalbtausend Flüchtlinge und man wird alle, die man zu irgendeiner nützlichen Arbeit verwenden kann, heranziehen. Zuerst kommt der Flüchtling in ein Auffanglager, wo er auf seinen Gesundheitszustand und auf seine Fähigkeit geprüft wird. Dann erfolgt seine Versetzung in ein eigentliches Arbeitslager. Soweit es möglich ist, wird auf die Intellektuellen Rücksicht genommen. Das Prinzip ist, dass irgendeine Arbeit geleistet werden muss. Den Studenten wird die Weiterbildung ermöglicht, für die Kranken wird in sorgfältiger Weise gesorgt.
In jedem Lager gibt es einen Lagersamariter mit einem Arztdiplom. Wo es nur möglich ist, zieht man die Ärzte unter den Flüchtlingen bei. Was man erreichen will, das ist die Vermittlung von Kenntnissen, um die Weiterwanderung zu ermöglichen. Es gibt einen Soldbezug, es gibt Ausgang und es gibt Urlaube, bei denen sich die Familien treffen können. Für die Verpflegung wird den Schwerarbeitern die übliche Zulage zugestanden. Das Essen ist gut und reichlich und entspricht demjenigen, dass der Schweizer im Durchschnitt geniesst. Darüber sind auch keine Klagen geäussert worden und wir hatten selbst Gelegenheit, davon in Form einer Mittagsverpflegung zu geniessen.
Es mangelt uns der Raum auf alle Details – so interessant es an sich wäre – einzugehen und wir müssen uns deshalb auf eine mehr summarische Betrachtung beschränken. – Wenn man zusieht, mit welcher Umsicht und vor allem, mit welchem Tempo die Rodungs- und Meliorationsarbeiten durchgeführt werden – pro Tag werden bis 140 grosse Waldbäume durch Ausreissen mittelst Traktoren zu Fall gebracht, so freut man sich über die Leistungen und man hat auch allen Grund, sie zu anerkennen.
Es hat jemand gesagt, dass er seinen Bericht als Soldat abfassen werde, was für ihn zu bedeuten hatte, dass er sich von keinen Gefühlsregungen beeinträchtigen lassen will. Aber bekanntlich schlägt unter jedem Schweizersoldatenkittel ein mitfühlendes Herz. Und so müssen wir das eine sagen, dass wir hinter jedem Flüchtling, eine von ihm in der Not des Krieges verlassene Heimat sahen. Was es heisst, heimatlos zu sein, das sollte gerade der Schweizer wissen, dessen Heimweh nach den Bergen nicht vergeblich im Lied festgehalten ist – – –
Deshalb fühlten wir uns glücklich, dass unsere Heimat sich bemüht, diesen Flüchtlingen, ihr bitteres Los zu lindern. Es wird nicht vergeblich getan sein, was wir heute tun. Wir setzen unsere Tradition des Asylrechtes ein neues und würdiges Denkmal.
Text: W.R. Ammann (wra), Redaktor, Übertragen aus der Oltener Tagblatt Ausgabe vom Samstag, den 6. März 1943
Service Public 1: Redaktor Walter Richard Ammann, 5.5.1888 Winterthur – 16.11.1953 Olten, Eintrag im HLS – Historisches Lexikon der Schweiz // Otto Zaugg, 11.4.1906 Bern – 9.8.1998 Poschiavo, Zentralleitung der Arbeitslager für Emigranten Eintrag im HLS – Historisches Lexikon der Schweiz // Tätigkeit- und Schlussbericht der Eidgenössischen Zentralleitung der Heime und Lager, Zürich, 1940-1946, verfasst von Heinrich Fischer und Otto Zaugg als Faskimile bei Dodis – Diplomatische Dokumente der Schweiz
Service Public 2: Die Abbildung „Eine Proklamation Hitlers – Die jüdische Weltgefahr im Vordergrund“ ist aus der Ausgabe des Oltener Tagblatts vom Donnerstag den 25. Februar 1943, deren von W.R. Ammann verfasster Leitartikel »Weil er Jude war«, die Ermordung des israelitischen Viehhändlers Arthur Bloch behandelte. Die meisten dieser Ausgaben des Oltener Tagblatts hatten einen Leitartikel, der Rest waren ohne Kommentar abgedruckte Kriegsberichterstattungen von diversen Agenturen, ob deutsche, russische englische oder amerikanische Darstellungen, darunter eben auch Proklamationen Adolf Hitlers des „DNB“ – Deutsches Nachrichtenbüro


2 Kommentare
https://www.youtube.com/watch?v=6noznlXIGzs
somit ist das sammeln, dies erweitere deine kenntnisse im frechen schreiben und jage, wenn du »lust« hast, deinen literarischen erguss gleich via echo kollektiv news oder vitaltransformer-blog um den globus …. beendet und eingestellt?!
wer sich dem schreiben und der sprache im deutschen widmet, liest anders, liest aufmerksamer. mit dem schreiben werden wichtige innere prozesse der individuellen orientierung und selbstverwirklichung angeregt…
gefördert wird auch die kritik des denkens, der kommunikation und man lernt fast automatisch, ureigenes der prägungen, vorstellungen von übernommenen konventionen, moden und trends im main streaming, besser zu unterscheiden. durch sprachschulung ist man besser vor propaganda mittels durch sprache inszenierten manipulationen geschützt, die heute zunehmens durch bewegtes visuell-optisches bildmaterial per video, film, serie, streaming, kinovorführung etc. und sprachliches durch radio, podcast, audioformate ersetzt werden?!
deshalb bleistift spitzen und ab in die schreibwerkstatt mit D.T.Koller (ex. Verlagsleiter von Vitaltransformer, Vorstandsvorsitzender der Schweizer Kunstsamariter und Kunstsanatorium Heimleiter) und ihm die spitze in den wertesten rammen.
ein 3-stündiger workshop im Echo Kollektiv Office der Chaoszentrale in Hinwil zum Thema «Über die Unfähigkeit zu schreiben; eine Schnellbleiche im Scheitern» bleibt trotzdem oder gerade deswegen in erinnerung.
mit den Begriffen wie »unfähigkeit« und »scheitern«, werden mit absicht (voll bewußt) nebst philosophischen, auch abgründig humorige aspekte als ausgangspunkt für inspirationen in diesem »workshop« verwendet, welches kein andauerndes projekt war.
ein strukturierter workshop für kreatives schreiben, projektiert und durchgeführt von lehrpersonen mit langjähriger erfahrung im unterrichten und dozieren an universität und in der erwachsenenbildung.
schade, dass ende 2026 bei Vitaltransformer der „vorhang“ fällt, da bleiben nicht mehr viel zeit
So ist es, werte Kunstforscherin – wir machen spätestens ende Jahr den Laden dicht, und das ist gut so; auch dieses zwar nicht explizit genannte, aber wahrscheinlich in unserem Beitrag vorgestellte Flüchtlingslager/Conzentrationslager Büren an der Aare ging dann mal zu, wo es übrigens auch Aufstände gegeben habe: »Es kam zu Meutereien und Disziplinarmassnahmen. Sogar Schüsse fielen«*
Flüchtlingslager werden ab und an wieder geschlossen, es folgen vielleicht jeweils nach zig-Jahren Gedenksteine, oder es folgen neue Flüchtlingslager, oder vielleicht folgen auf solche Ereignisse auch einfach nichts – genau so verhält es sich auch mit Vitaltransformer – wir möchten aber in unserem Fall bitten, die Anlieferung eines Gedenksteins zu unterlassen – Danke
mit besten Grüssen
Vitaltransformer Pierroz
*Quelle: https://www.srf.ch/sendungen/school/geschichte-geografie/concentrationslager-bueren-an-der-aare